Eine sehr vitale Zeitreise

Kammerchor zu Gast in der Raphael-Kirche Neuenheim

Rhein-Neckar-Zeitung, 25.09.2019

„Es gibt keine alte und neue Musik, es gibt nur tote und lebendige Musik.“ Diese provokante These des Altmeisters des Dirigierens, Sergiu Celibidache, fand im Konzert des Kammerchors Baden-Württemberg unter Leitung von Jochen Woll in der Raphael-Kirche Neuenheim eine
eindrucksvolle Bestätigung. Zum Thema „Singet!“ erklangen A-cappella-Chöre aus sechs Jahrhunderten, aber man glaubte nicht wirklich einer Zeitreise beizuwohnen. Durch die unbedingte Vitalität der Darstellung vermittelten alle Werke – und da vor allem die älteren – den Eindruck, im Moment des Hier und Jetzt erst zum Leben erweckt worden zu sein.

Es begann im 16. Jahrhundert im Markusdom zu Venedig mit einem „Jubilate Deo“ für zwei vierstimmige Chöre von Andrea Gabrieli und den Motteten „Cantate Dominum“ und „Adoramus te, Christe“ von Claudio Monteverdi. Weiter ging es nach Deutschland mit der dreichörigen
Vertonung des 100. Psalms „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ von Heinrich Schütz, die unverkennbar unter italienischem Einfluss steht.
Im Mittelpunkt des Programms die doppelchörige Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ von Johann Sebastian Bach. Der Kammerchor Baden-Württemberg konnte hier seine ganze Klasse unter Beweis stellen: Klangschönheit und Homogenität, Intonationsreinheit, Virtuosität
in den vielen Koloraturen, rhythmische Prägnanz und ein sehr deutliche, aber immer vollkommen natürliche Sprache. Bemerkenswert war außerdem, dass Woll dem Hinweis im Autograph den Mittelteil, einen Dialog zwischen Psalmtext und zwei Strophen des Chorals „Nun
lob‘ mein Seel’ den Herren“ mit vertauschten Chören zu wiederholen nicht nur befolgte, sondern durch gleichzeitiges Vertauschen der Gewichte zwischen Psalm und Choral in der Wiederholung zu einer neuen musikalischen Aussage fand.

Schließlich noch drei Vertonungen des 98. Psalms „Singet dem Herrn“ aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert. Hugo Distler verband gregorianische Elemente mit der herben Klanglichkeit seiner Epoche. Tobias Bromann (geb. 1968) scheute sich 2005 nicht zu einem Stil mit Anleihen bei der Popmusik zurückzukehren. Und Mendelsohns Gottesdienstmusik für einstimmigen Chor und großes Orchester hat Woll zu einer beeindruckenden doppelchörigen A-cappella-Motette bearbeitet. Viel Beifall und nochmals die Schlussfuge aus der Bachmotette als Dank.

[Christoph Wagner]

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