Streifzug durch den Norden

Kammerchor Baden-Württemberg in Heidelberg

Rhein-Neckar-Zeitung, 22.09.2015

Dass auch im skandinavischen Barock ein Mogens Pedersøn bei Giovanni Gabrieli in Venedig studiert hat und nordische Romantiker wie August Söderman gar nicht so weit von Bruckner entfernt sind, ließ der Kammerchor Baden-Württemberg keineswegs nur anhand ausgewählter Kompositionen erfahrbar werden. Mit zahlreichen Erläuterungen zwischendurch verwandelte Dirigent Jochen Woll nämlich ihr neues Programm „lovsanger – Lobgesang“ in der Heidelberger Friedenskirche zu einer Art Vorlesung.

Am meisten überzeugten dennoch seine Qualitäten als Chorleiter, wenn er in Pedersøns „Deus misereatur nostri“ die einzelnen Fäden mit viel Fingerspitzengefühl miteinander verwob und schon auf kleinstem Raum des Pianissimos eine enorme dynamische Bandbreite ausschöpfte.
Markant waren in „Laudate dominum“ die individuellen Charaktere einzelner Stimmgruppen: ein durchaus dezidierter Sopran mit Tendenz zum Schrillen, dem gegenüber ein ausgeglichenerer Alt ernsthafte Strenge wahrte. Leider waren bei den Frauen mitunter einzelne Stimmen zu deutlich herauszuhören, was die Homogenität trübte. Im völligen Einklang schwelgten sie aber wieder in den Schlussversen dahin.
Ob in Södermans Kyrie oder Osanna, schwer würde man meinen, dass sich im Altarraum nur 22 Vokalisten versammelt haben, bei solch einem vor Kraft nur so strotzenden Klangglomerat. Otto Olssons „Jesus dulcis memoria“ zelebrierte hingegen die Schlichtheit mit durchaus anrührender Komponente. Beim Tenor-Solo fühlte man sich sogar etwas an das Adagietto aus Mahlers 5. erinnert. Emotionaler Höhepunkt war zweifelsohne Sven-David Sandströms „Hear my prayer“, eine Weiterbearbeitung von Henry Purcells Psalmvertonung. Selten ist Chormusik ergreifender als wenn diese majestätische Klangsäule sich immer aggressiver aufbäumt, aufbegehrt und es bis an die Spitze der Verzweiflung treibt.
Beruhigt wurden alle aufgebrachten Gemüter durch das jazzig aufgelockerte „Jubilate Deo“ John Høybyes mit gewitzter Rhythmik und frechen Einwürfen oder Michael Bojesens „Pater noster“. Knut Nystedts „Peace I leave with you“ thematisierte zum Schluss wieder den verletzlichen Frieden. Großen Jubel gab es wieder beim Applaus.

Simon Scherer

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