Stärker als der Tod

Teckbote, 05.02.2013

Kirchheim. „Hoheslied“ ist dasjenige der biblischen Bücher bezeichnet, mit dem Christen aller Jahrhunderte wohl die meisten Schwierigkeiten hatten. Bis heute. Grob gesagt gehören die christlichen Kirchen gegenwärtig wohl immer noch nicht unbedingt zu den Zentren unbeschwerter Sinnesfreuden und erotischer Liebe, wie sie in beinahe pornografischer Art und Weise in dieser spätantiken Gedichtsammlung in schillernden Farben dargestellt wird.
So wirkte es denn auch wie ein pikanter Zufall, dass der „Junge Kammerchor Baden-Württemberg“ am Sonntag in Maria Königin sein Konzert „Song of Praise“ (die englische Bezeichnung des „Liedes aller Lieder“) verspätet beginnen musste, weil die Steckdosen keine knisternde Spannung lieferten. Auch der dann folgende schüchterne Flirtversuch zwischen dem Instrumentaltrio und dem erwartungsfrohem Publikum musste zunächst noch die Herausforderung einer erklärenden Begrüßung durch Chorleiter Jochen Woll überstehen, bevor der bunte Lustreigen auf der Spielwiese unterschiedlichster musikalischer Stile und Formen beginnen konnte.
Komponist Peter Lehel, der als beteiligter Saxofonist auch zugleich die beiden unterschiedlichen Welten einer Jazzcombo und eines klassischen Kammerchores mit wachen Augen und dezentem Kopfnicken zusammenführte, hat sein Werk als eine Abfolge kontrastreicher musikalischer Eindrücke konzipiert.
In fließenden Übergängen lässt er die Liebenden wiegenden Tango, schnittigen Bolero oder heiße orientalische Folklore tanzen und weicht immer wieder in überraschender Weise naturgemäßen Erwartungen aus.
Kaum scheint, wie im „1 Move“, ein gehörgangkitzelnder Ohrwurm geboren zu werden, ist er sogleich auch wieder wie im Traum verschwunden. Der beinahe seinen Verstand verlierende Liebende beschreibt im beckenschwungprovozierenden Hip-Hop die Süße der Lippen und die flinke Zunge seiner Geliebten beim Kuss und wechselt beinahe unmerklich in einen schwebenden Swing, als der geheime Lustgarten vor dem fantasierenden Auge auftaucht. Die Keyboard-Kaskaden unter den wendigen Fingern von Ull Möck schienen von allzu neugierigen Blicken ablenken zu wollen.
Ein jäher Schluss schreckt auf. Der Liebende war betrunken und hält noch immer die Weinflasche in der Hand. Was soll man dazu sagen? Angedeutet hatte sich dies eigentlich schon zu Anfang dieses Satzes: Dirk Blümlein am Bass leitete die Szenerie mit einer unbestimmten Solofantasie ein, bei der er sein Instrument spielerisch virtuos an die Grenzen seiner Möglichkeiten führte. Mal wehten hintergründige Flageolett-Klänge durch die wunderbare Akustik des steinernen Kirchenzeltes, mal dialogisierte er zweistimmig und ließ sich dabei vor allem Zeit. Ganz viel Zeit.
Die friedfertige Sulamith, deren betörender Bauchtanz im duftenden Granatapfelgarten von den neidischen Fürstentöchtern beobachtet wird, vertont Peter Lehel hingegen überraschend nüchtern und alles andere als erwartbar sinnlich tänzerisch. Seltsam bedrohlich klingen die tiefen Quartparallelen, von denen die Chorstimmen kaum inspirierte Melodien ableiten können, und gerade in diesem Satz offenbarte der „Junge Kammerchor“ seine intonatorische Disziplin und stimmliche Sicherheit. Die Anleihen aus der klassischen Chorliteratur in diesem Satz durften nicht wirklich ausgekostet werden, weil es dem Komponisten um eine seltsam gespenstische Leere darin ging. Warum? Weil Sulamith auch als Repräsentantin der jüdischen Opfer – etwa in Paul Celans Todesfuge – gedeutet wird?
Erst in der „Gartenszene“, in der verführerische Granatäpfel als Fruchtbarkeitssymbol die Einheit der sich innig Liebenden provozieren, erklingt wie eine musikalische Klammer ein abgewandeltes Saxofon-Zitat aus Georg
Michaels „Careless Whisper“, in dem allzu sorgloses Flüstern zur schmerzlichen Trennung eines Tanzpaares führt, und man meint, dieses Motiv bereits vorher als unguten bekannten Begleiter durch dieses Hohelied wahrgenommen zu haben.
Im „Midnight Desire“ kommt es dann tatsächlich zu einer offenen Misshandlungsszene, in der die sehnsüchtige Suche der Braut nach ihrem Freund unter militärischem Schlagzeuggerassel den Nachtwächtern zum Opfer fällt. Dieter Schumacher bekam hier die Möglichkeit, sein klangvolles und variables Schlagzeugspiel eindrucksvoll zu Gehör zu bringen.
Der ekstatische Schlusschor, den Chorleiter Jochen Woll dirigentisch genüsslich auskostete, musste zunächst erst noch durch die angstvoll an Tod und Grab erinnernden diffusen Paukenschläge hindurch, bevor der Sieg der Liebe über den Tod in elektrisierenden Latin-Rhythmen rauschenden Applaus der bis dahin atemlos folgenden Konzertbesucher entlockte. Ob diese Pointe verstanden wurde? Auch hier liegt die Betonung auf der körperlichen Liebe. Das Stück schließt mit der innigen Bitte um einen Kuss.
Ralf Sach

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